La Paz. Die Proteste gegen die bolivianische Regierung haben sich mit neuen Mobilisierungen des Gewerkschaftsverbandes Central Obrera Boliviana (COB) weiter verschärft. Anfang der Woche trafen Tausende Demonstranten aus El Alto in La Paz ein. Der Protestzug setzte sich aus Bergarbeitern, Bauern, Gewerkschaftern, Lehrern und Mitgliedern von Nachbarschaftsräten zusammen. Während der Zusammenstöße sollen sich laut Telesur die Protestierenden mit Dynamitpatronen, Feuerwerkskörpern, Stöcken und Steinen gegen die Angriffe von Armee und Polizei verteidigt haben.
Bisher wurden nach Presseangaben mindestens 127 Demonstranten festgenommen. El Nacional schrieb unter Berufung auf Regierungskreise, das am Donnerstag ein zwölfjähriger Junge im Departamento Potosí verstorben sei, weil er aufgrund der Blockaden keine ärztliche Hilfe erhalten habe. Nach Regierungsangaben seien seit Beginn der Blockaden vier Menschen durch ausbleibende medizinische Versorgung gestorben. Berichte über vier getötete Demonstranten haben sich bisher nicht bestätigt (amerika21 berichtete).
Am Mittwoch beschlossen die Protestierenden auf einer Generalversammlung der Basisorganisation der Landschullehrer von La Paz, den Druck auf die Regierung zu verschärfen. Wie der COB auf Facebook schrieb, hätten die "Compañeros Lehrer" der Regierung am Mittwoch eine "Frist von 24 Stunden gesetzt, um auf die Forderungen einzugehen", sonst "werde der Streik radikalisiert".
Der bolivianische Staat setzt gegenüber den Protesten auf eine zweigleisige Taktik. Wie Telesur schrieb, hat die bolivianische Staatsanwaltschaft am Montag einen Haftbefehl gegen den Anführer der COB, Mario Argollo, erlassen, dem sie öffentliche Anstiftung zu Straftaten und Terrorismus vorwirft. Der Generalsekretär der COB, Claudio Choque, erklärte daraufhin in einem Interview, dass die Haftbefehle gegen Vertreter sozialer Organisationen die Mobilisierungen nicht aufhalten würden, und warnte vor einer weiteren Radikalisierung der Proteste.
Gleichzeitig versucht die Regierung, die Proteste zu besänftigen. Präsident Rodrigo Paz kündigte laut Página12 an, sein Kabinett umbauen zu wollen. Auf einer Pressekonferenz sagte er: "Wir müssen das Kabinett neu ordnen, das die Fähigkeit zum Zuhören haben muss." Gleichzeitig betonte er, er werde "nicht mit Randalierern sprechen". Wie Noticias Argentinas meldete, gab der bolivianische Arbeitsminister Edgar Morales am Donnerstag seinen Rücktritt bekannt, um "das Land zu befrieden".
Die politische Krise der bolivianischen Regierung spiegelt sich auch auf internationaler Ebene wider. US-Außenminister Marco Rubio stellte sich auf X hinter Präsident Paz und schrieb: "Wir werden nicht zulassen, dass Kriminelle und Drogenhändler demokratisch gewählte Staatschefs in unserer Hemisphäre stürzen".
Nachdem der kolumbianische Präsident Gustavo Petro die Proteste als Volksaufstand bezeichnet hatte, wies das bolivianische Außenministerium die kolumbianische Botschafterin Elisabeth García aus dem Land aus. Die kolumbianische Regierung antwortete mit der Schließung der diplomatischen Vertretung Boliviens im Land.
Der ehemalige bolivianische Präsident Evo Morales bezeichnete die Begründung der Ausweisung der kolumbianischen Botschafterin wegen "Einmischung in innere Angelegenheiten" als Heuchelei und schrieb: "Diplomaten der USA, Israels, der Europäischen Union, Argentiniens und diverser Länder, die von rechtsgerichteten, Trump-treuen Lakaien regiert werden und die Unterdrückung des bolivianischen Volkes unterstützen, werden nicht so behandelt".
Ende vergangene Woche hatte der Expräsident die USA und die aktuelle Regierung beschuldigt, seine Ermordung zu planen (amerika21 berichtete). Im Zusammenhang mit diesen Anschuldigungen forderte Petro die US-Regierung dazu auf, Morales nicht anzugreifen. Auf X schrieb er: "Ein Angriff auf einen legitimen ehemaligen Präsidenten und indigenen Führer wie Evo Morales wird nur ganz Lateinamerika mit Blut überziehen".


