Internationales Treffen zum "guten Leben" und Dekolonialisierung in Guatemala

Soziale Bewegungen diskutieren über Rassismus, Kolonialismus und das "gute Leben". Gründung von Parteien in Sicht. Palästina-Solidarität wichtiges Thema

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Solidarität mit Palästina wichtiges Thema: Teilnehmer des Treffens in Guatemala
Solidarität mit Palästina wichtiges Thema: Teilnehmer des Treffens in Guatemala

Sacatepéquez/Guatemala-Stadt. Rund 200 Vertreter von Bewegungen aus 17 Ländern haben sich vom 8. bis 12. Oktober in Guatemala getroffen. Die Zusammenkunft wurde vom Netzwerk Abya Yala Soberana ausgerichtet, das 2020 aus dem Zusammenschluss von acht Organisationen entstanden ist.

Die Organisation vor Ort übernahm das guatemaltekische Komitee für bäuerliche Entwicklung (Codeca). In den Jahren 2021 und 2022 fanden bereits Netzwerktreffen in Guatemala statt, ein für 2023 geplantes Treffen in Kolumbien konnte aus organisatorischen Gründen nicht stattfinden.

Neben den Vertretern aus 16 lateinamerikanischen Ländern und dem Baskenland war auch Siman Kury, Präsident der Palästinensischen Union Lateinamerika aus El Salvador angereist. Er wurde mit besonderem Beifall und Sprechchören begrüßt und sprach sich für ein "demokratisches, laizistisches Palästina für alle Bevölkerungsgruppen" aus.

Die Solidarität mit Palästina, die auf dem Treffen allgemein als Teil des "antikolonialen Befreiungskampfes" verstanden wurde, kam auch im weiteren Verlauf der viertägigen Veranstaltung immer wieder zur Sprache. "Es ist zwar nicht ganz Guatemala, aber die indigene Bevölkerung steht hinter dem Kampf der Palästinenser", erklärte ein Vertreter der Ixil, der am stärksten vom Bürgerkrieg betroffenen Region Guatemalas, gegenüber amerika21. Auch die Waffenhilfe Israels zu Zeiten der Diktaturen in Chile, Kolumbien und Guatemala kam zur Sprache.

Am ersten Tag der Veranstaltung wurden die Grundzüge "guten Lebens" (buen vivir) und der sozialen Bewegungen diskutiert. Der zweite Tag widmete sich den Themen "Frauen und Buen Vivir" und " Antipatriarchaler Kampf in sozialen Bewegungen". Melania Canales aus Peru berichtete von ihren Erfahrungen, als sie als indigene Frau das Amt der Bürgermeisterin ihrer Gemeinde gewann. Trotz des klaren Wahlergebnisses habe sie sich gegen diverse Widerstände durchsetzen müssen, Männer hätten sich geweigert, "unter einer Frau" zu arbeiten. Canales betonte, dass sie weder Akademikerin noch Feministin sei, in ihrer Sprache Quechua gebe es kein Wort für "género" (Geschlecht).

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Melania Canales aus Peru berichtet über ihre Erfahrungen als indigene Bürgermeisterin
Melania Canales aus Peru berichtet über ihre Erfahrungen als indigene Bürgermeisterin

Am Abend berichteten Vertreter aus El Salvador, Ecuador, Peru und Argentinien in einer Diskussionsrunde zum Thema "Faschismus und Antifaschismus" über die autoritären Entwicklungen in ihren Ländern. Dabei kam auch die Situation in Guatemala unter dem progressiven Präsidenten Bernardo Arévalo zur Sprache, die sonst kaum eine Rolle spielte. Nach "Jahrzehnten ultrarechter Regierungen hat Arévalo den Willen zum Wandel, aber außenpolitisch steht er hinter den USA und Israel", sagte ein Teilnehmer.

Ángel Flores von der indigenen Gewerkschaft Milpa aus El Salvador führte im Gespräch mit amerika21 den Erfolg von Präsident Nayib Bukele auch auf Fehler der linken FMLN zurück. Diese habe in ihrer zehnjährigen Regierungszeit von 2009 bis 2019 "keinen Bruch mit dem Neoliberalismus erreicht". Zudem hätten Parteifunktionäre "Familienangehörige in hohe Posten gebracht und sich selbst bereichert". Dies habe dazu geführt, dass das Wort "links" heute in El Salvador in der Bevölkerung keinen guten Ruf mehr habe.

Seiner Meinung nach sei es notwendig, eine neue "revolutionäre Organisation" in El Salvador aufzubauen. Deshalb arbeite seine Organisation zusammen mit anderen an der Bildung einer neuen Partei, die als "politisches Instrument" der sozialen Bewegungen fungieren soll.

Der dritte Tag der Veranstaltung stand im Zeichen der kommunitären Medien und der "antikolonialen Kommunikation". Aktivisten von Sendern wie Radio Victoria aus Guatemala, Radio Dignidad aus Honduras und Radio Titanka aus Peru berichteten von ihren Erfahrungen.

Ein weiteres Thema war die unterschiedliche Situation der Gewerkschaften auf dem Subkontinent: In Ländern wie Guatemala sind die Gewerkschaften sehr schwach und in der Privatwirtschaft praktisch nicht existent, während in Argentinien der gewerkschaftliche Organisationsgrad relativ hoch ist.

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Demonstration der Landarbeiterorganisation Codeca am 12. Oktober in Guatemala-Stadt
Demonstration der Landarbeiterorganisation Codeca am 12. Oktober in Guatemala-Stadt

Die Teilnehmer organisierten sich in Kommissionen, die Themenfelder wie Internationalismus, Kommunikation sowie Autonomie und Plurinationalität diskutierten und daran kontinuierlich weiterarbeiten werden. In der Kommission "Politisches Instrument" wurde die Gründung von Parteien als politisches Mittel der sozialen Bewegungen besprochen. In El Salvador und Peru gibt es dazu bereits konkrete Pläne. Kritik gab es in der Kommission Antipatriarchat. Die Aktivistin Sandra Xinico aus Guatemala bemängelte, dass nur ein Mann teilgenommen habe.

Die Teilnehmer des Treffens beteiligten sich zum Schluss an einer Demonstration von Codeca anlässlich des 532. Jahrestages der "spanischen Invasion von Abya Yala" teil. Abya Yala bedeutet "reifes Land", "lebendiges Land" oder "blühendes Land" und war der Begriff, mit dem die Kuna, die Ureinwohner Kolumbiens und Panamas, das Gebiet des amerikanischen Kontinents vor der Ankunft von Christoph Kolumbus bezeichneten.