Bogotá. "Wir schützen nun endlich die, die am wenigsten Rechte hatten", hat Ex-Arbeitsministerin Gloria Inés Ramírez zum Inkrafttreten der neuen Regelungen in Kolumbien erklärt. Seit dem 1. Juli gilt in dem südamerikanischen Land ein neues Arbeitsrecht. Im Zentrum der Reform stehen der Schutz prekär beschäftigter Gruppen wie Hausangestellter und Plattformarbeitender sowie Maßnahmen zur Förderung von Mobilitätsalternativen wie dem Fahrrad.
Seit dem 13. Juli beträgt der Sonn- und Feiertagszuschlag 80 Prozent auf den Stundenlohn. Seit dem 16. Juli 2025 wurde zudem die Wochenarbeitszeit von 46 auf 44 Stunden reduziert. Die Änderungen werden schrittweise umgesetzt. Präsident Gustavo Petro droht mit Sanktionen für Arbeitgeber, die sich nicht an die neuen Regelungen halten.
Hausangestellte arbeiten in Kolumbien traditionell unter prekären Bedingungen. Es handelt sich zumeist um Frauen. In einigen Familien wohnen sie im Haushalt und haben keine geregelten Arbeitszeiten. Künftig gilt auch für sie eine maximale Wochenarbeitszeit von 42 Stunden, verteilt auf fünf oder sechs Arbeitstage. Darüber hinaus müssen ab jetzt alle Arbeitsverhältnisse, auch in privaten Haushalten, vertraglich dokumentiert und voll sozialversicherungspflichtig abgerechnet werden.
Hausangestellte profitieren jetzt stärker von Zuschlägen: Die Nachtschicht beginnt nun bereits um 19 Uhr (statt wie bisher 21 Uhr) und wird mit 35 Prozent Aufschlag vergütet. Auch für Sonntags- und Feiertagsarbeit steigt der Zuschlag von derzeit 75 bis zum Jahr 2026 auf 100 Prozent. Die Regelung wird nun bis Juli 2027 in drei Stufen umgesetzt.
Arbeitgebende sind verpflichtet, wöchentliche Ruhezeiten und freie Tage zu respektieren. Auch Arztbesuche oder schulische Verpflichtungen von Kindern können als bezahlte Freistellung beantragt werden.
Mit der neuen Gesetzgebung soll auch der Umweltschutz gefördert werden: Wer regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, erhält einen Tag Sonderurlaub alle sechs Monate. Arbeitgebende sollen die Kilometer über Apps oder Fahrtenbücher nachvollziehen können. Damit will die Regierung umweltfreundliche Mobilität fördern und zur Gesundheitsprävention beitragen. Diese Maßnahme gilt auch für Beschäftigte im öffentlichen Dienst.
Sie interessieren sich für das Geschehen im Globalen Süden?
Wir versorgen Sie mit Nachrichten und Hintergründen aus Lateinamerika. Unterstützen Sie uns mit einer Spende.
Für Lieferfahrende bei Rappi oder Uber Eats gilt außerdem eine neue Sozialversicherungsregel: Bei selbstständiger Tätigkeit übernimmt die Plattform 60 Prozent der Beiträge für Gesundheit und Rente sowie 100 Prozent der Unfallversicherung.
Die Reform legt für alle Beschäftigten ein Maximum an Überstunden fest: maximal zwei Stunden pro Tag und maximal zwölf Stunden pro Woche. Vertragslaufzeiten werden verlängert und befristete Verträge in vielen Fällen unbefristet.
Erstmals gibt es auch einen Arbeitsvertrag für Auszubildende. In der Theoriephase erhalten sie 75 Prozent des Mindestlohns, in der Praxisphase den vollen Betrag. Sie erhalten zudem vollen Zugang zur Sozialversicherung (Gesundheit, Rente, Arbeitsunfall) sowie Leistungen wie Prämien, Urlaub und Transportzuschuss. Auch für Unternehmen wird die Pflicht, Lernende in ihr Personal aufzunehmen, verbindlicher. Medizinstudierende im Praktikum erhalten nun das Mindestgehalt und Sozialversicherungsleistungen.
Große Unternehmen sind verpflichtet, zwei Menschen mit Behinderung pro 100 Beschäftigte einzustellen. Arbeitgebende, die Frauen, Jugendliche oder über 50-jährige Personen einstellen, werden mit staatlichen Mitteln unterstützt.
Die Reform wurde nach zwei gescheiterten Anläufen am 20. Juni im Parlament verabschiedet. Präsident Gustavo Petro sprach bei der Unterzeichnung von einem "Erfolg der arbeitenden Klasse". Mit der verabschiedeten Reforma Laboral hat Kolumbien eines der wichtigsten arbeitsrechtlichen Vorhaben der Regierung in Gesetzesform gebracht. Die Änderungen waren im Vorfeld stark umstritten. Wirtschaftsverbände befürchten steigende Lohnkosten und eine Zunahme informeller Beschäftigung. Die Regierung argumentiert, dass faire Arbeitsbedingungen die Produktivität und soziale Stabilität langfristig stärken würden (amerika21 berichtete).

