Kolumbien: Nur 28 Staaten unterzeichnen Erklärung zur Agrarreform auf ICARRD+20

Interview mit Ronnie Palacios von der agrarökologischen Bewegung Q'anil aus Guatemala. ICARRD+20 brachte Regierungen und Bewegungen zusammen. Palacios sieht Fortschritte, nennt Lücken bei Ökolandwirtschaft und Gewässerschutz

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Forum auf der Konferenz für Agrarreform und ländliche Entwicklung in Kolumbien
Forum auf der Konferenz für Agrarreform und ländliche Entwicklung in Kolumbien

Cartagena. Vom 24. bis 28. Februar hat in Cartagena in Kolumbien die zweite Konferenz für Agrarreform und ländliche Entwicklung (ICARRD+20) stattgefunden.

a21: Auf der Konferenz nahmen sowohl Regierungsvertreter als auch kleinbäuerliche und soziale Organisationen teil. Wie kam das zusammen?

Es gab eine gemeinsame Eröffnung und gemeinsame Foren, aber auch geschlossene Diskussionsrunden der Regierungsvertreter und parallel dazu die vielfältigen Veranstaltungen der kleinbäuerlichen und sozialen Bewegungen sowie öffentliche Veranstaltungen mit großem Andrang. Bei den offiziellen Vertretern waren überwiegend Außen- und Agrarministerien vertreten. Insgesamt nahmen Delegationen aus 102 Ländern teil.

a21: 56 Staaten waren mit offiziellen Regierungsvertretern anwesend, aber nur 28 Staaten unterschrieben die Abschlusserklärung. Woran lag das?

Es gab dazu keine offizielle Erklärung, aber die Staaten, die nicht unterschrieben haben, waren wohl nicht einverstanden mit den formulierten Zielen der Agrarreform, mit der Anerkennung der Ungleichheit und mit der klar formulierten Notwendigkeit, dass mehr Land in die Hände von Kleinbauern gelangen muss. Es wurde als Problem benannt, dass Monokulturen Hunger und Unterernährung fördern. Der Diskussionsprozess soll aber fortgesetzt werden, damit in Zukunft mehr Länder die Erklärungen unterschreiben. Die nächste Konferenz soll spätestens in drei Jahren in Afrika, Asien oder wieder in Lateinamerika stattfinden.

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Ronnie Palacios ist Mitglied im Koordinationsrat der agrarökologischen Bewegung Q´anil in Guatemala
Ronnie Palacios ist Mitglied im Koordinationsrat der agrarökologischen Bewegung Q´anil in Guatemala

a21: Was fehlte Ihnen in der Abschlusserklärung?

In der offiziellen Erklärung fehlt meiner Meinung nach der Aspekt der ökologischen Landwirtschaft. In den Foren war dies aber Thema. Ferner wurden in den Foren Themen wie Überfischung, der Zustand von Meeren und Flüssen, die Situation von Frauen und Kindern in der Landwirtschaft diskutiert. Als eine der zentralen Herausforderungen wurde benannt, wie eine Ernährungssouveränität in den einzelnen Ländern erreicht werden und wie die Landwirtschaft die Menschen vor Ort ausreichend ernähren kann. Auch wenn es in der offiziellen Erklärung nicht direkt erwähnt wurde, wissen wir natürlich, dass die Konzentration des Landes in den Händen weniger das zentrale Problem ist.

a21: Sie leben in Guatemala. Das Land gehört weltweit zu den Ländern mit der ungerechtesten Landverteilung. Wie haben Sie die Diskussionen auf der Konferenz wahrgenommen, ist die Situation in anderen Ländern ähnlich oder ist die Lage in Guatemala besonders kritisch?

Auf der Konferenz wurde deutlich, dass in vielen Ländern ähnliche Probleme herrschen, zum Beispiel in Haiti oder Brasilien. Letzteres ist zwar ein großes Land, aber mit sehr ungerechter Landverteilung. Auch aus Afrika wurde von der ungleichen Landverteilung berichtet, zum Beispiel, dass Ausländer viel Land in afrikanischen Ländern besitzen. Es wurden aber auch Beispiele genannt, wo die Entwicklung in die richtige Richtung geht. So ist mein Eindruck, dass die Regierung in Kolumbien von Gustavo Petro von den sozialen und kleinbäuerlichen Bewegungen im Land überwiegend positiv eingeschätzt wird.

a21: Guatemala hat auch mit Regierungsvertretern an der Konferenz teilgenommen. Eine Landreform ist in Guatemala eine eher utopische Forderung. Was kann getan werden, um die extrem große Ungleichheit im Land zu reduzieren?

Guatemala ist eines der wenigen Länder in Lateinamerika, in dem nie eine Landreform stattgefunden hat. Es gab Versuche während der Regierung von Jacobo Árbenz 1952, aber dafür haben wir mit dem Putsch von 1954 und dem späteren Bürgerkrieg einen hohen Preis bezahlt. Heute muss man zwar feststellen, dass eigentlich alle Probleme in Guatemala, die Unterernährung, die Auswanderung etc., ihre Ursachen in der ungerechten Landverteilung haben. Den Regierungen fällt jedoch nichts anderes ein als Vertreibungen und Kriminalisierung. Aber die Forderung nach einer Landreform in Guatemala verstehen viele Menschen so, dass dies einen neuen Bürgerkrieg provozieren würde. Die 20 Familien, denen das halbe Land gehört, sind sehr eng mit der Armee verbunden. Aktuell haben wir keine Informationen, ob die guatemaltekische Regierung die Abschlusserklärung unterschrieben hat. Zu fordern wäre aber, dass sie nicht nur unterschreibt, sondern auch Aktionen vorantreibt.

a21: Welche Arbeit leistet Ihre Organisation, das Movimiento Q'anil?

Wir treten in erster Linie für eine ökologische Landwirtschaft ein, ohne die Nutzung von Chemikalien und Pestiziden. Dazu bekommen wir auch Unterstützung von internationalen Organisationen wie Fastenaktion aus der Schweiz, mit denen wir im Februar ein Pilotprojekt gestartet haben und ab Mai weitere Projekte beginnen wollen.

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Der Landkreis Almolonga im Hochland Guatemalas ist bekannt für seinen ertragreichen Gemüseanbau, aber auch massiven Einsatz von Pestiziden
Der Landkreis Almolonga im Hochland Guatemalas ist bekannt für seinen ertragreichen Gemüseanbau, aber auch massiven Einsatz von Pestiziden

a21: Häufig wird angenommen, dass Pestizide in erster Linie auf großen Fincas und Monokulturen eingesetzt werden. Ich würde sagen, wenigstens in Guatemala stimmt das nicht. Auch Kleinbauern nutzen extrem viel Pestizide.

Das ist korrekt. Das vielleicht im Land bekannteste Beispiel ist der Landkreis Almolonga im Departamento Quetzaltenango, bekannt für seinen guten Ertrag an Gemüse, das in ganz Mittelamerika verkauft wird, aber auch den massiven Einsatz von Chemikalien und Pestiziden. Das Problem ist natürlich, dass Chemiekonzerne einen großen Einfluss auf die Regierungen haben, aber auch auf die Lehrinhalte in Universitäten. Es gibt in Guatemala, anders als beispielsweise in Mexiko, ökologische Landwirtschaft nicht als Lehrfach an den Universitäten. Überall wird vermittelt, es ginge nur mit Chemikalien. Trotzdem haben wir auch Erfolge. Es gibt Gemeinden, in denen der Einsatz von Pestiziden um 80 Prozent zurückgegangen ist oder sogar ganz eingestellt wurde.