Nach Erdbeben in Kolumbien rückt das Militär vor

Soldaten statt Rettung und Hilfslieferungen. Viele Menschen sind empört und fassungslos

773662836_895113729905263_1473216998488372176_n.jpg

Auch die Kirchen helfen mit: "Solidarität macht uns zu Geschwistern"
Auch die Kirchen helfen mit: "Solidarität macht uns zu Geschwistern"

Cali. Parallel zu den maßgeblich von Freiwilligen organisierten Rettungs- und Hilfsmaßnahmen ist Cali in den letzten Tagen massiv mit Polizei und Militär verstärkt worden. Bürgermeister Alejandro Eder verhängte zudem am 10. August eine nächtliche Ausgangssperre von 21 bis 6 Uhr und ordnete die Militarisierung der Stadt an.

Rund 1.000 Soldaten sind an etwa 40 besonders betroffenen Punkten im Einsatz. Präsident Abelardo De la Espriella kündigte eine weitere Aufstockung um 400 Soldaten an.
Der Einsatz wird von Behörden mit der Verhinderung von Plünderungen und dem Schutz der Bevölkerung begründet. Regierungstreue Medien berichteten unter Berufung auf lokale Fälle von Diebstählen und Plünderungen, unabhängig überprüfbare Angaben zum tatsächlichen Ausmaß liegen jedoch nicht vor.

Bei Besuchen von Rettungsaktionen wurde Calis Bürgermeister Eder in den letzten Tagen mehrfach angefeindet.

Buenaventura, der wichtige Pazifikhafen mit rund 430.000 Einwohnern, zählt zu den am schwersten getroffenen und zugleich am schlechtesten erreichbaren Orten. Nach Angaben von Journalisten blieben Teile der Stadt bis Mittwochnacht ohne staatliche Rettungskräfte. Bewohner suchten eigenständig, mit bloßen Händen, nach Verschütteten. Buenaventura ist wie Quibdó eine Stadt mit überwiegend afrokolumbianischer und indigener Bevölkerung, die historisch von struktureller Vernachlässigung und bewaffnetem Konflikt betroffen ist. Mehrere Stadtteile gelten laut Presseberichten wegen der Präsenz bewaffneter Gruppen als schwer zugänglich, was Rettungsarbeiten zusätzlich erschwert. Der Flughafen der Stadt wurde nach dem Beben vorübergehend für Strukturprüfungen gesperrt. Die Hilfslieferungen werden von Militär und Polizei behindert.

In Cali fuhren in der Nacht auf den 14. August Kriegspanzer an die Trümmer, in denen Freiwillige noch immer nach Überlebenden suchen. In Videos auf sozialen Netzwerken werden sie von Anwohnern kritisiert: "Ihr kommt nicht, um zu helfen, sondern um uns zu behindern". Nach Aussagen von Rettungskräften gegenüber amerika21 wurden zugleich an mehreren Stellen in Cali bewaffnete Personen gesichtet, die Rettungsarbeiten mit Schusswaffen angegriffen und Menschen vom Ort vertrieben haben sollen. Diese Angabe ist bislang durch keine Agentur oder Behörde bestätigt. 

Ohne Moos nix los

Ihnen gefällt die Berichterstattung von amerika21? Damit wir weitermachen können, brauchen wir Ihre Unterstützung.

Auch in anderen betroffenen Regionen wurden Ausgangssperren und verstärkte Sicherheitsmaßnahmen angeordnet, etwa im Quindío mit mehr als 340 zusätzlichen Polizist:innen und Soldat:innen. Angehörige der Streitkräfte unterstützen dort auch die Such-, Rettungs- und Bergungsarbeiten.

Die massive Präsenz der Sicherheitskräfte wird von den Behörden mit dem Schutz der Bevölkerung und der Sicherung zerstörter Gebäude begründet. Gleichzeitig wirft die schnelle Militarisierung des öffentlichen Raums Fragen nach den Prioritäten der Katastrophenhilfe auf. Hilfsorganisationen und soziale Initiativen warnen davor, humanitäre Hilfe zu politisieren oder die Notlage für eine Ausweitung repressiver Sicherheitsmaßnahmen zu nutzen. Diese Kritik bekommt angesichts der ungleichen Rettungsgeschwindigkeit zwischen Cali und dem stärker vernachlässigten Buenaventura sowie dem Chocó zusätzliches Gewicht.

Am 10. August 2026 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,4 den Südwesten Kolumbiens. Nach Angaben der Unidad Nacional para la Gestión del Riesgo de Desastres (UNGRD) starben bis zum 13. August mindestens 287 Menschen landesweit. Zehntausende Menschen wurden durch zerstörte oder beschädigte Häuser obdachlos.

Die Bilanz der Verwaltung von Cali meldete zuletzt nur für die Stadt 96 Todesopfer, 1.401 Verletzte, 46 Gebäude mit Totaleinsturz und 1.400 Gebäude mit strukturellen Schäden und akuter Einsturzgefahr, 111 vermisste Personen sowie 88 gerettete Personen. Sieben Krankenhäuser sind ausgefallen oder nur eingeschränkt einsatzfähig, darunter das teilweise eingestürzte Universitätsklinikum.

Nach mehr als 72 Stunden geht die Rettungsphase nun graduell in die Bergung über.