Rio de Janeiro. Nach dem ersten Wahlgang der allgemeinen Wahlen in Brasilien richtet sich der Blick auf die Stichwahl um die Präsidentschaft am 25. Oktober. Der rechte Kandidat Flávio Bolsonaro von der Liberalen Partei (PL) erhielt 47,04 Prozent der gültigen Stimmen und lag damit vor Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei (PT), mit 45,15 Prozent.
Bei einer Veranstaltung von Lula-Unterstützer:innen in Rio de Janeiro schwankte die Stimmung zwischen Hoffnung und Ernüchterung. Trotz Lulas Rückstand wurde weiter Samba gespielt und getanzt. "Estão comemorando o quê?" ("Was feiern die eigentlich"), fragte ein besorgter Teilnehmer. Eine Frau fasste ihre Reaktion knapp zusammen: "Decepcionante" ("Enttäuschend"). Im Bolsonaro-Lager wurde der Vorsprung dagegen als Erfolg gewertet.
Lula räumte ein, mit einem anderen Ergebnis gerechnet zu haben, und sprach mit Blick auf die Stichwahl von einer "neuen Kampagne". Bolsonaro betrachtete seinen Vorsprung als Zeichen für einen politischen Wechsel und erklärte das "Ende der PT-Ära".
Nun könnten die Wähler:innen der ausgeschiedenen Kandidat:innen eine wichtige Rolle spielen. Augusto Cury von der Partei Avante, die sich selbst als politische Mitte bezeichnet, Renan Santos von der rechten Partei Missão und Ronaldo Caiado von der neoliberalen, Mitte-rechts Partei PSD kamen zusammen auf gut sieben Prozent. Eine unmittelbar vor der Wahl veröffentlichte Datafolha-Umfrage deutet auf einen Vorteil für Bolsonaro bei diesen Wähler:innen hin. Von den Wähler:innen Santos’ gaben demnach 51 Prozent an, in einer Stichwahl Bolsonaro wählen zu wollen, gegenüber 19 Prozent für Lula. Bei Caiado waren es 44 zu 27 Prozent und bei Cury 39 zu 30 Prozent zugunsten Bolsonaros. Aufgrund der kleinen Teilstichproben sind die Zahlen allerdings mit Vorsicht zu betrachten.
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Auch bei den Wahlen der Gouverneur:innen war das rechte Lager erfolgreich. In 20 Bundesstaaten fiel die Entscheidung bereits im ersten Wahlgang. Tarcísio de Freitas der evangelikal geprägten Partei Republicanos wurde in São Paulo mit 62,65 Prozent wiedergewählt. Cleitinho Azevedo, ebenfalls von Republicanos, gewann in Minas Gerais, Luciano Zucco (PL) in Rio Grande do Sul und Sergio Moro (PL) in Paraná. Die PT verteidigte mit Jerônimo Rodrigues in Bahia und Elmano de Freitas in Ceará wichtige Hochburgen im Nordosten.
In Rio de Janeiro lag Douglas Ruas (PL) mit 49,27 Prozent vor Eduardo Paes (PSD) mit 42,76 Prozent. Ob es tatsächlich zu einer Stichwahl kommt, ist jedoch noch offen. Die Kandidatur des Drittplatzierten Anthony Garotinho (Republicanos) war vom Regionalen Wahlgericht TRE-RJ wegen einer Verurteilung wegen vorsätzlicher Amtspflichtverletzung abgelehnt worden. Garotinho war wegen seiner Beteiligung an einem System verurteilt worden, über in den Jahren 2005 und 2006 rund 234 Millionen Reais (ca. 41,27 Millionen Euro) aus dem Gesundheitsbudget des Bundesstaats zweckwidrig verwendet wurden. Da er gegen die Ablehnung seiner Kandidatur Einspruch eingelegt hatte, blieb seine Kandidatur zunächst sub judice und seine Stimmen wurden unter Vorbehalt gezählt. Am Montag zog Garotinho seinen Einspruch zurück. Über die endgültige Gültigkeit seiner 3,17 Prozent muss nun das Oberste Wahlgericht TSE entscheiden. Werden die Stimmen für ungültig erklärt, käme Ruas auf mehr als 50 Prozent der gültigen Stimmen und wäre bereits im ersten Wahlgang gewählt.
Auch im Nationalkongress legte die Rechte zu. Der PL wird ab 2027 mit 121 der 513 Abgeordneten die größte Fraktion im Abgeordnetenhaus stellen. Die Föderation aus PT, der kommunistischen Partei PCdoB und der Grünen PV kommt auf 82 Mandate. Im Senat dürfte der PL ab 2027 mit 28 der 81 Senator:innen ebenfalls die stärkste Fraktion bilden.

