Kolumbien / Politik

Wahlen in Kolumbien: Die Gefahren hinter dem ultrarechten Kandidaten

Neoliberaler Umbau, alte Gewaltmuster und Vergeltung gegen Linke

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Paraphrase des Wahlkampfmottos des ultrarechten Präsidentschaftskandidaten Abelardo de la Espriella: "Strammstehen für die Mafia"
Paraphrase des Wahlkampfmottos des ultrarechten Präsidentschaftskandidaten Abelardo de la Espriella: "Strammstehen für die Mafia"

Der 47-jährige Anwalt und ultrarechte Präsidentschaftskandidat Abelardo de la Espriella verbindet in seinem Programm eine ultraneoliberale Wirtschaftspolitik à la Javier Milei mit einer äußerst autoritären Sicherheits- und Militäragenda. Er will den Staat um 40 Prozent reduzieren und argumentiert, dass dieser 700.000 Mitarbeiter:innen zu viel habeDas Sonderjustizsystem für den Frieden (JEP), das er als "Farce" bezeichnet, plant er abzuschaffen.

Seine sicherheitspolitischen Vorschläge orientieren sich an einem Modell harter Repression: zehn große Hochsicherheitsgefängnisse à la Nayib Bukele, teilweise unter privater Verwaltung und Kontrolle von Reservist:innen, sowie das Ende von Friedensdialogen zugunsten einer militärischen Eskalation und die Legalisierung des Waffenbesitzes für Zivilpersonen.

Ergänzt wird das Programm durch eine Intensivierung der fossilen Wirtschaft mit Fracking sowie mehr Erdölverträge und eine außenpolitische Neuorientierung mit dem Austritt Kolumbiens aus internationalen Menschenrechtsinstanzen wie der UNO und einer engen sicherheitspolitischen Allianz mit den USA und Israel.

Anwalt der Mafia und der Paramilitärs

Sein Projekt entspricht den Interessen der internationalen fossilen Großwirtschaft und den ultraneoliberalen Doktrinen à la Milei. Er ist kein "Outsider", wie er sich gern nennt, sondern vertritt die Kontinuität der gewaltsamen Herrschaft kolumbianischer Eliten, die sich in der Vergangenheit, teilweise in einigen Regionen auch heute noch, paramilitärischer und mafiöser Strukturen bedient haben.

In der Vergangenheit deutete er klare Sympathien für das paramilitärische Projekt der damaligen Autodefensas Unidas de Colombia (AUC) an. Über den als "Ernesto Báez" bekannten AUC-Chef, dessen Unterstruktur für über hundert Massaker, über 4.000 Morde und mehr als 1.700 Fälle von Verschwindenlassen verantwortlich war, sagte De la Espriella im Jahr 2008, er sei "der Romantiker" der AUC.

Über den paramilitärischen Weg seines Freundes Salvatore Mancuso, ehemaliger oberster Chef der AUC, sagte De la Espriella: "An seiner Stelle hätte ich dasselbe getan: Man wollte mich als "Paraco"1 brandmarken, aber wie Uribe2 sagt: Hätte man mich töten und erpressen wollen, wäre ich ein echter ‚'Paraco' gewesen, mit Uniform und Gewehr."

Der Spitzname "Mafia-Anwalt" rührt von den Kreisen her, aus denen seine Kundschaft stammt: Führende AUC-Befehlshaber, Politiker:innen mit paramilitärischen Verbindungen, Drogenhändler und andere Akteur:innen des bewaffneten rechten Machtblocks der 1990er- und 2000er Jahre. Zu seinen Mandant:innen zählten auch Großbetrüger von Schneeballsystemen sowie der kolumbianisch-venezolanische Unternehmer und Ex-Minister der Maduro-Regierung, Álex Saab.

Die Verbindungen zu den paramilitärischen AUC dürften laut mehreren Hinweisen nicht nur beruflicher Natur in seiner Rolle als Anwalt gewesen sein. So stellte der Oberste Gerichtshof im Jahr 2011 in einem Verfahren gegen eine andere Person fest, dass De la Espriella über eine von ihm gegründete Stiftung namens Fipaz als möglicher Anwerber für die AUC fungierte. Darauf verwies der linke Präsidentschaftskandidat Iván Cepeda, nachdem er kürzlich Strafanzeige gegen De la Espriella wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Terrorismusfinanzierung und illegaler Bereicherung erstattet hatte. Die 2004 gegründete Fipaz soll demnach von den Paramilitärs finanziert worden sein und zugleich Gelder für diese bereitgestellt haben.

Neuer Zyklus der Gewalt?

Diese biografischen Verflechtungen spiegeln sich auch in seiner Rhetorik wider. De la Espriella kanalisiert tief in den kolumbianischen Eliten verwurzelte Gefühle der Aufstandsbekämpfung. So sieht er "keine Gegner zu widerlegen, sondern Feinde zu vernichten", wie es der Politikwissenschaftler Sebastián Ronderos und der Soziologe Cristian Olaya beschreiben.

Dies zeigt sich deutlich in einer Gewalt geladenen Sprache, die der ultrarechte Kandidat pflegt, etwa wenn er davon spricht, "die Linke auszuweiden", Kolumbien "durch Vernunft oder mit Gewalt" zu verteidigen oder Kriminelle "ins Gefängnis oder ins Grab" zu schicken. Symbolische Gewalt findet sich ebenso auf Großflächenplakaten, auf denen sein Konkurrent Cepeda bewegungsunfähig am Boden liegt, während De la Espriella in einer Niedertrittpose auf ihm sitzt und mit Knie und Fuß dessen Rücken und Nacken niederdrückt.

In demselben Stil sagte der ultrarechte Politiker in einem Radiointerview im Juli 2025: "Sie, die Herren der Linken, sollen wissen, dass Sie in mir immer einen erbitterten Feind haben werden, der alles in seiner Macht Stehende tun wird, um Sie auszuweiden." Er fügte hinzu: "Diese Plage muss ausgerottet werden."

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In einem Land, in dem die Paramilitärs in der Vergangenheit einfache Menschen der organisierten Bevölkerung buchstäblich ausweideten, mit Kettensägen zerstückelten und mit ihren Köpfen Fußball spielten, lassen die Worte von De la Espriella bei sozialen Bewegungen und progressiven Kräften die Alarmglocken läuten.

Bereits im Vorfeld der Wahlen verbreiten ultrarechte Kräfte eine bedrohliche Stimmung. So erhielten Dozent:innen und Student:innen mehrerer öffentlicher Universitäten nach dem ersten Wahlgang massenhaft E-Mail-Drohungen mit dem Betreff: "Für die Kommunisten sind die guten Zeiten vorbei". Im Namen von De la Espriellas Plattform Defensores de la Patria (Verteidiger des Vaterlandes) werden die "ideologische Ausbildungszentren für Kommunisten" gewarnt. Die Verfasser:innen kündigen an, "nicht zu ruhen", bis sie "jeden ausgerottet haben, der marxistisch denkt und für ideologischen Unsinn eintritt".

Ausrottungskampagnen gab es in der Geschichte Kolumbiens bereits, etwa bei der Ermordung von mehr als 5.000 Mitgliedern der linken Partei Unión Patriótica (UP). Auch Gewerkschafter:innen, Anführer:innen sozialer Bewegungen und arme Jugendliche wurden wiederholt Ziel systematischer Mordkampagnen.

Einbindung in die US-Hegemonialpolitik

Die Verschärfung im Inneren geht einher mit einer zunehmenden internationalen Vernetzung und Unterstützung der ultrarechten Kräfte. Der "Tiger", wie De la Espriella sich selbst gern nennt, appelliert in militaristischer Pose an patriotische Vorstellungen, mit denen sich militärische und militaristische Kreise identifizieren. Nicht zufällig lautet sein Wahlkampfmotto "Firmes por la Patria" (Strammstehen fürs Vaterland).

Er selbst hat sich allerdings gegenüber den USA unter Eid von jeder Loyalität gegenüber einem anderen Staat oder Souverän losgesagt, als er die US-Staatsbürgerschaft erhielt. Als US-Amerikaner musste er schwören, die USA gegen alle "inländischen und ausländischen Feinde" zu verteidigen, wie es in der Einbürgerungsformel heißt. Mit ihm als Präsident wäre dann die Staatssouveränität Kolumbiens gefährdet, warnten Ex-Richter:innen der obersten Gerichte Kolumbiens.

Der "Tiger" hat seit 2018 95.000 US-Dollar an die Republikanische Partei der USA gespendet. Erklärte ultrarechte Gegner:innen der Regierung Petro wie die US-Abgeordnete María Elvira Salazar und der US-Senator kolumbianischer Abstammung Bernie Moreno werben offen für De la Espriella. So auch der US-Präsident Donald Trump: "Aufgrund seiner enormen Lebensleistungen und seiner politischen Unterstützung für mich persönlich ist es mir eine Ehre, Abelardo meine uneingeschränkte und absolute Unterstützung zuzusichern", postete Trump auf Truth Social.

De la Espriella bedankte sich bei Trump und betonte, dass sie beide "eine Front gegen den Kommunismus" bilden und dass er als Präsident Kolumbiens sich der US-Sicherheitspolitik der "Shield of the Americas" anschließen würde. Es geht dabei um die Ausweitung militärischer und polizeilicher US-Herrschaft in Lateinamerika.

Organisierung versus Revanchismus

Eine Regierung De la Espriellas würde nicht nur den Weg der Demokratisierung des kolumbianischen Staates blockieren, den die progressive Regierung Gustavo Petros eröffnet hat. Eine Regierung, die, bei allen Problemen und Fehlern, darauf abzielte, sozialen Kämpfen Raum zu geben und von der, wie Sebastián Ronderos und Christian Acosta schreiben, "arme Menschen, rassifizierte Bevölkerungsgruppen, Vertriebene und sexuelle Dissidenzen endlich als sichtbare Träger:innen legitimer Forderungen wahrgenommen wurden".

Neben der Zerstörung dieses Weges würde eine Regierung De la Espriellas eine revanchistische und gewaltsame Politik verfolgen. Dabei würden die politischen und wirtschaftlichen Machtblöcke ihre Ressentiments über den vierjährigen Verlust des Monopols über den Staat unter der Regierung Petro gewaltsam an deren Anhänger:innen sowie generell an Oppositionellen und alternativen Basisprojekten ausleben.

Die breite soziale Basis hinter dem linken Präsidentschaftskandidaten Cepeda und seiner Vizepräsidentschaftskandidatin Aída Quilcué setzt hingegen auf die Fortsetzung des progressiven Projektes. Cepeda selbst rief dazu auf, mit dem "Teufelskreis aus Angst, Hass, Egoismus, Gewalt und dem Verfall der Politik" zu brechen, der "die Menschen, die Jugendlichen, die sozialen Gruppen, die Frauen und all jene, die keine bewaffneten oder mafiösen Strukturen zu ihrer Verfügung haben, daran hindert, sich frei am öffentlichen Leben zu beteiligen". Es sei die politische Konsequenz der organisierten Bevölkerung das "Gegenmittel gegen Hoffnungslosigkeit, Angst und Gewalt".

  • 1. "Paraco" ist in Kolumbien eine umgangssprachliche Bezeichnung für ein Mitglied paramilitärischer Gruppen.
  • 2. Er bezieht sich auf den damaligen ultrarechen Präsidenten Álvaro Uribe (2002-2010).