Vor einem Jahr ist Brasilien von der Welthungerkarte verschwunden. Dieser Erfolg im fünftgrößten Land der Erde ist das Ergebnis des Zusammenspiels politischer Maßnahmen und zivilgesellschaftlicher Bewegungen. Zwar konnten wichtige Fortschritte erzielt werden, doch zahlreiche Herausforderungen bleiben bestehen.
Ernährungsunsicherheit prägt die brasilianische Gesellschaft seit Jahrhunderten und ist eng mit der Geschichte des Landes verbunden. Den Zusammenhang zwischen Hunger und gesellschaftlichen Strukturen zeigte erstmals der Mediziner und Politiker Josué de Castro auf. In seinem 1946 erschienenen Buch "Geografia da Fome" (Geografie des Hungers) stellte er fest, dass Hunger weder schicksalhaft noch allein klimatisch bedingt ist, sondern politische, wirtschaftliche und soziale Ursachen hat und von Menschen verursacht wird.
Diese Erkenntnis lässt sich in Brasilien über Jahrhunderte zurückverfolgen. Die Wurzeln des Hungers liegen in der Kolonialzeit und der extrem ungleichen Verteilung von Land und Wohlstand. Die Sklaverei setzte die aus Afrika verschleppte Bevölkerung bewusst einer unzureichenden Versorgung aus, um die Kosten für ihre Ausbeutung möglichst gering zu halten. 1850 legte die kaiserliche Regierung zudem gesetzlich fest, dass Land nur gegen Bezahlung erworben werden konnte, nicht durch Besetzung oder Nutznießung. Da sich das Ende der Sklaverei bereits abzeichnete und 1888 endgültig vollzogen wurde, sollte der schwarzen Bevölkerung damit langfristig der Zugang zu Land verwehrt bleiben. Große Landflächen blieben in den Händen europäischstämmiger Großgrundbesitzer, während dem Großteil der Bevölkerung die finanziellen Mittel fehlten, Land zu erwerben und die eigene Ernährung abzusichern.
Die Ungleichheit war dabei nicht nur gesellschaftlich, sondern auch regional. Während die Industrialisierung im Süden Brasiliens für eine vergleichsweise bessere Versorgung sorgte, blieb der Nordosten wirtschaftlich zurück und war besonders stark von Hunger betroffen.
Josué de Castro, selbst aus dem nordöstlichen Bundesstaat Pernambuco, unterschied in "Geografia da Fome" zwei Formen des Hungers: den epidemischen Hunger, bei dem Kriege, Dürren oder andere anthropogene und klimatische Faktoren kurzfristig extreme Versorgungsengpässe verursachen, und den endemischen Hunger, also eine strukturelle Unterversorgung mit Nährstoffen, die Entwicklungsstörungen begünstigt und die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegenüber Krankheiten schwächt.
Im Nordosten Brasiliens wirken beide Formen zusammen. Zum einen ist Land dort besonders ungleich verteilt: Zehn Prozent der Landbesitzer kontrollieren rund 80 Prozent der Flächen. Kleinbauern leiden dagegen unter ungeklärten Eigentumsverhältnissen und verfügen häufig über so wenig Land, dass sie damit nicht einmal den eigenen Lebensunterhalt sichern können. Zum anderen kommt es im Landesinneren aufgrund geringer Niederschläge regelmäßig zu Dürren.
Diese trieben über Jahrzehnte Menschen aus den betroffenen Gebieten und beschleunigten die Entstehung riesiger Slums an den Rändern der Großstädte, in denen weder kurzfristig noch langfristig Aussicht auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen bestand.
So waren von der Dürre im Jahr 1970 rund acht Millionen Menschen im Nordosten betroffen. Sie stürzte viele in extreme Armut; die Kindersterblichkeit erreichte mit 115 Todesfällen auf 1.000 Lebendgeburten einen erschreckenden Höchststand. Die Militärregierung (1964–1985), die das propagierte Wirtschaftswunder nicht durch Bilder von Hunger und Armut gefährdet sehen wollte, versuchte unter anderem, Bevölkerungsteile in die Amazonasregion umzusiedeln. Dort sollten sie beim Bau der Transamazônica, einer Fernstraße durch das Amazonasgebiet, eingesetzt werden.
Solche Maßnahmen bekämpften jedoch nicht die strukturellen Ursachen des Hungers, sondern reagierten lediglich auf akute Notlagen. Der endemische Hunger setzte sich dagegen über Generationen fort.
Bewegung von Kleinbauern kämpft heute für Ernährungssicherheit
Fast 60 Jahre nach Erscheinen des Buches, auf einem Treffen des "Movimento dos Pequenos Agricultores" (MPA) im Mai 2026 in Brasília, zeigt Maria auf die trockene, schrumpelige Haut an ihren Unterarmen: "Schau, wie ich aussehe. In meiner Kindheit gab es nie genug Essen, um wirklich gesund leben zu können. Dass das Kindern nie wieder passiert, dafür kämpfe ich. Deshalb bin ich hier." Die Bewegung der Kleinbauern wurde 1996 im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul gegründet. In einer Zeit des Neoliberalismus und des zunehmenden Ausverkaufs von Land im Zuge der Ausrichtung Brasiliens auf den Export entwickelte sie ein sozialistisches Gegenmodell, das auf Volkssouveränität und Ernährungssouveränität setzt. Mit dem Ziel, Armut und gesellschaftlichen Ausschluss der bäuerlichen Bevölkerung zu überwinden, vereint die Bewegung heute Kleinbauern aus 20 der 27 brasilianischen Bundesstaaten.
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Viele ihrer Mitglieder sind durch eigene Erfahrungen mit Hunger und durch das Gefühl geprägt, trotz täglicher Arbeit die eigene Versorgung mit Lebensmitteln nicht gewährleisten zu können. Sie treten für ein gesellschaftliches Projekt ein, das Ernährungssouveränität ermöglichen und der Dominanz der großflächigen Agrarindustrie entgegenwirken soll. Neben der Anerkennung und Verteidigung ihrer Landrechte und Territorien stehen bei dem Treffen zahlreiche gesellschaftspolitische Themen im Mittelpunkt: Bildung im ländlichen Raum soll gestärkt, verschiedene Formen von Gewalt sollen bekämpft werden – ebenso Patriarchat und Homophobie.
Auch die Folgen des Klimawandels und der Umweltzerstörung werden thematisiert. Längst ist die Bewegung über die Grenzen Brasiliens hinaus aktiv. Vertreter:innen aus 15 weiteren Staaten Lateinamerikas, Asiens und Europas waren zu dem Treffen eingeladen. So sprach etwa Aleida Guevara, die Tochter des kubanischen Revolutionärs Ernesto Che Guevara, über die Bedeutung internationaler Solidarität und den Kampf gegen den ausbeuterischen Kapitalismus, insbesondere der USA.
Die Ablehnung der USA und insbesondere der aktuellen Politik Donald Trumps war unter den rund 1.300 Aktivist:innen allgegenwärtig. Politisch versteht sich das MPA als sozialistische Bewegung; die kubanische Revolution und die Rolle Fidel Castros werden als Vorbilder genannt.
Der Wunsch nach einer Überwindung der sozialen Ungleichheit durch gesellschaftliche Mobilisierung ist deutlich. Vorerst soll dies jedoch innerhalb des demokratischen Projekts geschehen. Dafür sollen Kandidaturen gestärkt werden, die sich für Volkssouveränität und die Rechte der ländlichen Bevölkerung einsetzen. Denn praktische Veränderungen hängen letztlich wesentlich vom politischen Willen der jeweiligen Regierung ab. Die aktuelle Regierung steht Forderungen von Bewegungen wie dem MPA vergleichsweise offen gegenüber.
Lula da Silva schafft Reformen gegen Hunger
Seit 2023 ist der linke Politiker Luiz Inácio Lula da Silva erneut Präsident von Brasilien. Bereits während seiner ersten Präsidentschaft von 2003 bis 2010 trug seine Sozialpolitik dazu bei, dass Brasilien 2014 von der Welthungerkarte gestrichen wurde. Mit dem Programm "Null Hunger" konnten Millionen Menschen aus extremer Armut und Unterernährung herausgeführt werden. Ein wichtiger Bestandteil war Bolsa Família, ein staatliches Transferprogramm, das bedürftigen Familien den Zugang zu grundlegenden Lebensmitteln erleichterte und an Bedingungen wie regelmäßigen Schulbesuch und medizinische Untersuchungen geknüpft war.
Wie schnell solche Erfolge wieder verloren gehen können, zeigten jedoch die Coronapandemie und der Abbau sozialstaatlicher Maßnahmen unter dem rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro (2019–2022). 2022 waren wieder mehr als 30 Millionen Menschen von schwerem Hunger betroffen; Brasilien kehrte auf die Welthungerkarte zurück.
Erst die erneute Ausweitung sozialer Sicherungssysteme und staatlicher Unterstützung seit 2023 konnte Hunger und Unterernährung wieder deutlich reduzieren. Unterstützt werden unter anderem Solidaritätsküchen in den Städten und die Familienlandwirtschaft im ländlichen Raum. Auch Nachhaltigkeit und Umweltschutz stehen auf der politischen Agenda.
Trotzdem bedeutet die erneute Streichung Brasiliens von der Welthungerkarte im Jahr 2025 noch keine dauerhafte Ernährungssicherheit und schon gar keine Ernährungssouveränität für die gesamte Bevölkerung. Nachhaltig wäre die Versorgung erst dann gesichert, wenn soziale Transfer- und Subventionsprogramme unabhängig von Regierungswechseln fortbestehen könnten.
Für echte Ernährungssouveränität müssen daher die strukturellen Ursachen des Hungers bekämpft werden, allen voran die extreme Ungleichverteilung von Land. Bewegungen wie das MPA können mit ihrem Aktivismus dazu beitragen, gesellschaftliche Ungleichheiten sichtbar zu machen und zu überwinden. Die entscheidenden Hebel liegen jedoch weiterhin bei der Regierung und ihren Möglichkeiten, auf Großgrundbesitz und Agrarindustrie einzuwirken. Nur so könnten Kleinbauern ihre Landrechte langfristig sichern und marginalisierte Gruppen, insbesondere Afrobrasilianer:innen und Indigene, besseren Zugang zu eigenem Land erhalten.
Wie wahrscheinlich eine solche Veränderung angesichts der tief verwurzelten Strukturen ist, bleibt trotz linker Regierungen und sozialistischer Bewegungen fraglich. Die erfolgreichere Bekämpfung akuter Hungersnöte und die Ausweitung sozialer Hilfsprogramme sind dennoch wichtige Erfolge. Sie können den politischen Raum dafür schaffen, auch die strukturellen Ursachen des Hungers anzugehen. Denn angesichts von Umweltzerstörung und Klimawandel wird die Frage, wie Lebensmittel produziert, verteilt und der Zugang zu ihnen dauerhaft gesichert wird, künftig noch an Bedeutung gewinnen.

