Chile / Menschenrechte

Chile: Neues Adoptionsgesetz und Prozesse wegen Kinderhandel

Tausende Kinder unter der Diktatur illegal zur Adoption freigegeben. Betroffene fordern Gerechtigkeit und internationale Aufklärung. Deutsche Behörden zeigen wenig Problembewusstsein

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Frauen demonstrieren in Chile gegen Zwangsadoptionen
Demonstration in Chile von HMS (Hijo:as y Madres del Silencio, Kinder und Mütter des Schweigens)

Santiago. Ende Juli ist in Chile ein neues Gesetz in Kraft getreten, das Adoptionen durch Einzelpersonen und gleichgeschlechtliche Paare erlaubt. Zudem wird der Zeitraum für endgültige gerichtliche Entscheidungen auf 18 Monate begrenzt und dem Adoptivkind Kontakt zu seinen leiblichen Eltern ermöglicht. Außerdem setzt es Grenzen, um illegale Adoptionen zu verhindern.

Bereits im März hat die Regierung eine interministerielle Arbeitsgruppe eingerichtet, um die Aufklärung von 20.000 mutmaßlichen illegalen Adoptionen während der chilenischen Militärdiktatur (amerika 21 berichtete) voranzutreiben. Um die Adoptionen scheinbar rechtmäßig abzusichern, haben die Beteiligten Spuren hinterlassen, die jetzt in Krankenakten, im rechtsmedizinischen Dienst, den Meldeämtern und im Außenministerium gesucht werden.

Präsident Gabriel Boric hat bis zum Ende seiner Regierungszeit die Einrichtung einer Gendatenbank zugesagt, die das Auffinden von Familienangehörigen erleichtern und beschleunigen kann. Die Identifizierung und mögliche Verurteilung von Beteiligten steht erst am Anfang.

Die betroffenen Mütter kamen ausnahmslos aus armen, sozial benachteiligten Schichten der Bevölkerung, von denen möglicher Widerstand oder spätere Nachforschungen nicht zu erwarten waren. Sozialarbeiter und Geistliche übernahmen die Überzeugungsarbeit, während Krankenhauspersonal, Hebammen und Ärzte die Krankenakten manipulierten und die Registrierung beim Standesamt unter falschem Namen vornahmen. Entweder wurde der Mutter unter Drohungen eine Unterschrift zur Adoption abgetrotzt oder ihr unter Vorwänden die Übergabe eines angeblich totgeborenen Kindes verweigert. Mit diesen Unterlagen beantragten Rechtsanwälte die Adoption vor Gericht, um gegenüber möglichen Interessierten im Ausland die Rechtmäßigkeit des Vorgangs zu simulieren. Da eine Vermittlung unmittelbar nach der Geburt unmöglich war, wurden die Kinder zwischenzeitlich in ausgewählten Einrichtungen untergebracht.

Die Nachforschungen gestalten sich schwierig. In einzelnen Fällen wurden Entbindungsstationen und Neugeborenenabteilungen ausgelagert oder geschlossen. Außerdem dürfen nach chilenischem Recht die Patientenakten fünfzehn Jahre nach der letzten Behandlung der Person, also der Mutter, vernichtet werden.

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Dennoch konnten ehrenamtlich geführte Organisationen wie Hijos y Madres de Silencio (HMS), Nos buscamos (Wir suchen uns) und Adopción Illegal (AI) erfolgreich in rund 1.000 Fällen bei der Familienzusammenführung tätig werden. Sie bieten Rechtsberatung an, betreiben die aktive Suche, wenn ein Familienteil sich meldet, und vermitteln Gentests.

Teil der Aufarbeitung der menschlichen Tragödien ist auch die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen. Im Juni hat das Gericht den ersten Strafprozess gegen fünf Personen aus San Fernando, einer Kleinstadt 150 Kilometer von Santiago entfernt, wegen krimineller Vereinigung und Kindesentführung eröffnet. Während vier Angeklagte in Untersuchungshaft sind, wartet das Gericht auf die Auslieferung von Ivonne Gutiérrez Pávez, die sich heute in Israel aufhält und im fraglichen Zeitraum Richterin am Jugendgericht von San Fernando war. Der ermittelnde Staatsanwalt schließt eine mögliche Verjährung aus, da es sich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt. Er kann sich dabei auf eine kürzliche Entscheidung des Obersten Gerichtshofs und international anerkannte Rechtsnormen stützen. Die Präsidentin von HMS äußerte in diesem Zusammenhang die Hoffnung, dass die etwa 1.300 anhängigen Verfahren weiterverfolgt werden. Sie ruft alle Frauen auf, im Falle von Zweifeln die Stiftung zu konsultieren und Anzeige zu erstatten.

Die chilenischen Medien berichten immer öfter über das Thema Zwangsadoptionen, was auch entsprechendes Echo in ausländischen Medien und Reaktionen von staatlichen Stellen zur Folge hat. HMS hat in der französischen Botschaft in Santiago ein Memorandum unterzeichnet, in dem eine enge Zusammenarbeit vereinbart und eine Unterstützung von Opfern der Zwangsadoptionen in Frankreich garantiert wird.

In Schweden gibt es Überlegungen, die Adoption von ausländischen Kindern zu verbieten.

In Deutschland gab es bereits im Jahr 1989 eine Große Anfrage zum Thema Zwangsadoptionen und Kinderhandel der Partei der Grünen im Bundestag. Im Punkt 31 heißt es: "Kann die Bundesregierung ausschließen, dass die dem Deutsch-Chilenischen Kulturinstitut angehörenden Rechtsanwälte und Luftwaffenrichter an privat vermittelten Adoptionen beteiligt waren oder sind?" Laut einer Sendung des Deutschlandfunks aus dem Jahr 2023 seien offizielle staatliche Stellen nicht an illegalen Machenschaften beteiligt gewesen, hätten das System aber durch Wegsehen und Nicht-Nachfragen stabilisiert. In der Sendung wurde festgestellt, dass es keine staatliche Untersuchungskommission oder öffentliche Entschuldigung gäbe. Beim Bundesfamilienministerium sei auch nichts davon geplant. Für Melanie Kleintz (peruanisches Adoptivkind, heute Aktivistin für die Interessen von Auslandsadoptierten in Deutschland) enttäuschend: "Wir haben keine Lobby gehabt. Wir haben jetzt immer noch keine Lobby."