Petro erhöht Mindestlohn in Kolumbien um 23 Prozent

Mindestlohn per Dekret höher als von Gewerkschaften und Unternehmerseite vorgeschlagen. Petro: Schritt zur sozialen Gerechtigkeit. Kritik von Ökonom:innen

Mindestlohn in Kolumbien

Die kolumbianische Regierung verspricht ein existenzsicherndes Einkommen.
Die kolumbianische Regierung verspricht ein existenzsicherndes Einkommen.

Bogotá. Kolumbiens Präsident Gustavo Petro verfügt kurz vor Ende seiner Amtszeit per Dekret eine Erhöhung des Mindestlohns um 23 Prozent. Ab dem 1. Januar 2026 steigt der gesetzlich festgelegte Mindestlohn um 327.405 Pesos (rund 74 Euro) auf neu 1.750.905 Pesos (rund 396 Euro). Gemeinsam mit dem Fahrtkostenzuschuss von 249.095 Pesos, auf den alle Arbeitnehmer:innen Anspruch haben, die ein Einkommen bis zum Doppelten des Mindestlohns erhalten, ergibt sich damit ein monatliches Mindesteinkommen von 2.000.000 Pesos, was rund 543 Euro entspricht. Laut Regierung betrifft die Anpassung rund 2,4 Millionen Arbeiter:innen. Die letzte ähnlich hohe Erhöhung fand 1997 statt, als der Mindestlohn in Kolumbien um 21,02 Prozent angehoben wurde.

Petro präsentierte die präsidiale Entscheidung in einer landesweit übertragenen Ansprache, nachdem die Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmerverbänden gescheitert waren. Die nun beschlossene Steigerung liegt über den 16 Prozent, die Arbeitnehmer:innen gefordert hatten, und übertrifft deutlich den Vorschlag der Unternehmer:innen, die eine Erhöhung von 7,21 Prozent vorgeschlagen hatten. Die Regierung bezeichnet die Maßnahme als Schritt hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit und zu einem "salario mínimo vital". Laut dem Dekret sollen Kaufkraftverluste ausgeglichen, der verfassungsrechtlich garantierte, existenzsichernde Mindestlohn schrittweise verwirklicht und die Lebensgrundlage von Haushalten mit geringem Einkommen stabilisiert werden.

Petro erklärte, die Berechnung orientiere sich nicht ausschließlich an Indikatoren wie Inflation und Produktivität. Stattdessen seien internationale Standards für existenzsichernde Löhne einbezogen worden, die den Grundbedarf für Familien mit drei bis vier Personen berücksichtigen. Die Regierung geht davon aus, dass der höhere Mindestlohn die Ungleichheit verringern und die Nachfrage stimulieren werde, auch wenn er Druck auf die Preise ausübe.

Über den Tellerrand schauen?

Mit Ihrer Spende können wir Ihnen täglich das Geschehen in Lateinamerika näher bringen.

Ökonom:innen und die Währungsbehörde äußern dagegen Vorbehalte gegen das präsidiale Dekret. Angesichts eines aktuellen Leitzinses von 9,25 Prozent warnen Analyst:innen, dass ein überproportionaler Mindestlohnanstieg die Inflation verstärken und eine längere Hochzinsphase notwendig machen könnte. Auch weitere Preissteigerungen werden erwartet, etwa im Gesundheitswesen, bei Verwaltungs- und Sicherheitsdiensten, Sozialversicherungsbeiträgen sowie Sozialwohnungen.

Fachleute weisen außerdem darauf hin, dass die Erhöhung mehr als dem Vierfachen der prognostizierten Inflationsrate entspräche und sich nicht wie üblich am Produktionszuwachs orientiere. Zudem sei die Datengrundlage für den existenzsichernden Mindestlohn veraltet. Während Gewerkschaften die Entscheidung begrüßen, bleibt ihre wirtschaftliche Wirkung umstritten.