Santa Marta. Vom 24. bis 29. April findet in der kolumbianischen Hafenstadt Santa Marta die erste internationale Konferenz zum gerechten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen statt. Es handelt sich um eine Initiative Kolumbiens und der Niederlande. Regierungsvertreter:innen aus mindestens 54 Staaten sowie Mitglieder von 2.600 Organisationen aus Wissenschaft, sozialen Bewegungen und dem Privatsektor wollen dort konkrete, verbindliche Schritte für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen festlegen.
Der Gipfel reagiert auf die Abschlusserklärung der Weltklimakonferenz 2025 in Belém (COP30), in der fossile Brennstoffe nicht erwähnt wurden. Statt konkreter Schritte wurde dort ein Fahrplan für einen "gerechten Übergang" beschlossen. Dabei hatte die Internationale UN-Energieagentur kurz zuvor erneut bestätigt, dass Kohle, Öl und Gas die Haupttreiber des menschengemachten Klimawandels sind. Zugleich zeigen internationale Konflikte wie in der Ukraine und im Nahen Osten, wie schnell die Abhängigkeit von fossilen Energien zur Krise werden kann.
Viele der vertretenen Staaten, darunter Brasilien, Angola, Nigeria, Mexiko und Kolumbien, der fünftgrößte Kohleförderer weltweit, sind wirtschaftlich stark von fossilen Brennstoffen abhängig. Seit dem Ukraine-Krieg hat Deutschland seine Importe fossiler Energien aus diesen Ländern deutlich erhöht.
Neben kleinen Inselstaaten wie Fidschi und Vanuatu, die durch den steigenden Meeresspiegel akut vom Klimawandel bedroht sind, nehmen auch wohlhabende Länder des globalen Nordens wie Deutschland, Kanada, Frankreich und Norwegen teil. Ebenso vertreten sind die künftigen COP31-Gastgeber Türkei und Australien. Die 54 Staaten stehen für etwa ein Fünftel der weltweiten Produktion fossiler Brennstoffe und rund ein Drittel der Nachfrage.
Einige der größten Volkswirtschaften und Emittenten, darunter die USA, China, Indien, Russland und die Golfstaaten, werden fehlen. Für Länder ohne Bekenntnis zum Ausstieg aus fossilen Energien sei die Konferenz nicht der richtige Ort, so Kolumbiens Umweltministerin Irene Vélez Torres. Für Boykottierer oder Klimaleugner sei kein Platz am Verhandlungstisch.
Die Energiewende müsse durch bessere multilaterale Koordination sowie eine schrittweise Abschaffung von Subventionen fossiler Energien mit dem Ziel eines endgültigen vollständigen Verbrennungsstopps vorangetrieben werden. Zudem müssten Süd-Süd-Partnerschaften gestärkt und asymmetrische Machtverhältnisse abgebaut werden, so die Staatssekretärin für umweltbezogene Raumplanung, Luz Dary Carmona Moreno, bei einem Treffen im Vorfeld am 16. April.
Oswaldo Muca, Koordinator der indigenen Organisation des kolumbianischen Amazonasgebiets (Opiac), erinnerte dabei an die Lebensgefahr, der indigene Gemeinschaften durch Vertreibungen, illegale Abholzung sowie die Verseuchung von Flüssen durch Öl- und Bergbaufirmen weiterhin ausgesetzt sind.
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Dementsprechend brauche es entschiedeneres staatliches Handeln, so Muca. Instrumente wie Kohlenstoffzertifikate und REDD+, bei denen Emissionsminderungen etwa durch Waldschutz angerechnet und gehandelt werden, hätten negative Erfahrungen hinterlassen. Es bestehe die Gefahr, dass auch eine als "gerecht" bezeichnete Energiewende indigene Territorien etwa durch Lithiumabbau weiter beeinträchtige. Indigene Gemeinschaften müssten daher in die Gestaltung der Energiewende einbezogen werden.
Trotz internationaler Schutzmechanismen für indigene Gemeinden, wie der ILO-Konvention 169, sind laut einer Studie 13 Prozent der indigenen Gebiete in allen acht Amazonas-Anrainerländern von Öl- und Gasförderung sowie von über 114.000 Bergbauanträgen betroffen. Dabei handelt es sich um eine Gesamtfläche von etwa 320.000 Quadratkilometern.
Die Koordinatorin der indigenen Organisationen des Amazonasgebiets (Coiab), Toya Manchineri, forderte deshalb ein schnelles Handeln. Instrumente wie die freiwillige, vorherige und informierte Zustimmung, die indigenen Völkern das Recht gibt, Projekte auf ihrem Land zu erlauben oder abzulehnen, sind insbesondere auch für in freiwilliger Isolation lebende indigene Völker unabdingbar.
Coiab kooperiert mit Initiativen wie dem Netzwerk Energia e Comunidades (Energie und Gemeinden), um dezentrale Lösungen wie Solarenergie in abgelegenen Gemeinden zu fördern. Zusammen mit dem Amazonas-Zentrum für indigene Bildung (Cafi) organisiert sie Weiterbildungen, um indigene Völker in die Entwicklung eines sozial und ökologisch gerechten Energiemodells einzubeziehen.
Der aus Barcelona stammende Wissenschaftler Dr. Marcel Llavero Pasquina plädiert für radikale politische Maßnahmen, um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. In seiner in Nature veröffentlichten Studie fordert er, dass Regierungen bestehende und neue Konzessionen für die Förderung fossiler Brennstoffe mit sofortiger Wirkung aufheben, da diese das verbleibende CO2-Budget sprengen. Er warnte zudem vor technologischen "Scheinlösungen" wie CCS (CO₂-Abscheidung), Wasserstoff oder Biokraftstoffen. Diese sollten nur unterstützt werden, solange sie fossile Energien direkt ersetzen. Eine Unterstützung, um sie zu ergänzen oder zu rechtfertigen, lehnte er ab. Der Klimabeitrag von Unternehmen könne ausschließlich daran gemessen werden, wie viel Öl, Gas und Kohle sie im Boden ließen. Llavero Pasquina hat den Atlas der nicht förderbaren fossilen Brennstoffe mitentwickelt, der aufzeigt, welche Reserven nicht gefördert werden dürfen.
Paola Yanguas Parra vom International Institute for Sustainable Development (IISD), die zu einem geordneten Ausstieg aus der Öl- und Gasförderung im Sinne des Pariser Abkommens forscht, äußerte sich hoffnungsvoll. Es gebe zahlreiche Maßnahmen zur Begrenzung der fossilen Förderung, etwa Kohleverbote, Lizenzmoratorien sowie Fracking- und Offshore-Verbote. Diese existieren bereits in vielen Ländern und zeigen, dass angebotsseitige Eingriffe politisch an Bedeutung gewinnen. Seit 2015 haben entsprechende Initiativen deutlich zugenommen und Rückschritte werden rechtlich angefochten. Ein Urteil des Internationalen Gerichtshofs bekräftigt zudem die staatlichen Pflichten zum Umweltschutz. Der Gipfel von Santa Marta bringt Akteur:innen zusammen, die gemeinsam Lösungen für die Energiewende vorantreiben wollen.

