Santa Cruz. Der argentinische Geschäftsmann, Kampagnenleiter und politische Berater verschiedener rechter Regierungen und Organisationen in Lateinamerika, Fernando Cerimedo, ist am internationalen Flughafen von Santa Cruz festgenommen worden. Ihm wird vorgeworfen, den Mord an seiner schwangeren Ex-Freundin Nadia Beller in Auftrag gegeben zu haben.
Beller ist Anwältin und ehemalige Beraterin von Jeanine Áñez und war zunächst als Parlamentskandidatin für die Bewegung zum Sozialismus (MAS) politisch in Erscheinung getreten. Nach eigener Aussage lockte sie ein anonymer Anrufer unter dem Vorwand, ihr Beweise für kriminelle Machenschaften zuzuspielen, in das Swiss Hotel in Santa Cruz.
Am Hoteleingang warteten zwei als Essenslieferanten verkleidete mutmaßliche Auftragsmörder und verletzten Beller mit drei Schüssen aus einer Handfeuerwaffe. Aus dem Krankenhaus beschuldigte sie ihren Ex-Partner, der ihr gegenüber bereits im Juni und Juli gewalttätig geworden sei und die Vaterschaft ihres ungeborenen Kindes ablehne.
Cerimedo ist mit der Argentinierin Natalia Basil verheiratet. Wenige Stunden nach dem Angriff nahmen ihn bolivianische Behörden am internationalen Flughafen fest, kurz bevor er ein Flugzeug nach Buenos Aires besteigen konnte. Auf seinem Telefon fanden Ermittler Nachrichten an Beller und an Dritte, die den Verdacht gegen ihn stützten. Darin drohte er Beller mit Selbstmord, sollte sie seine mutmaßlichen körperlichen Übergriffe öffentlich machen. In einem Chat mit einer dritten Person heißt es: "Nadia hat uns verraten. Entweder wir beseitigen sie oder wir sind am Arsch. Kennst du jemanden, der diese Arbeit erledigen kann?"
Bei der Durchsuchung eines von Cerimedo genutzten Apartments in einer wohlhabenden Wohnanlage in La Paz stellte die Polizei neben Bargeld in US-Dollar, Euro und Bolivianos (im Wert von insgesamt 50.000 US-Dollar) auch Dokumente und eine sogenannte Botfarm sicher. Solche Systeme dienen dazu, automatisiert Nachrichten und Kommentare über falsche Social-Media-Konten zu verbreiten. Cerimedo hatte selbst eingeräumt, mit solchen Netzwerken den Wahlkampf des argentinischen Präsidenten Javier Milei in sozialen Medien unterstützt zu haben.
Weitere Durchsuchungen fanden unter anderem in einer Wechselstube statt, über die im Auftrag Cerimedos große Geldsummen transferiert worden sein sollen. Deren Geschäftsleiter konnte während der Durchsuchung zunächst mit 700.000 US-Dollar fliehen, wurde jedoch wenig später ebenso wie zwei mutmaßliche Fluchthelfer festgenommen.
Am Freitag ordnete der zuständige Richter Wilson Espada in Santa Cruz wegen Fluchtgefahr 180 Tage Untersuchungshaft für Cerimedo an. Er steht unter Verdacht, einen Femizid in Auftrag gegeben zu haben. Inzwischen wurden drei weitere Verdächtige festgenommen, die an der Ausführung der Tat beteiligt gewesen sein sollen.
Parallel ermittelt die Staatsanwaltschaft in La Paz offiziell wegen des Verdachts auf illegale Bereicherung gegen den politischen Berater. Darüber hinaus prüfen die Behörden Hinweise auf undurchsichtige Geschäfte im Bergbau- und Bausektor.
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In Argentinien sind Cerimedo und Natalia Basil seit 2025 mit dem Korruptionsskandal um die staatliche Behörde für Menschen mit Behinderungen ANDIS verbunden. Dabei geht es unter anderem um mutmaßlich überteuerte Medikamenteneinkäufe und Schmiergeldzahlungen. Der Skandal reicht bis in das engste Umfeld von Präsident Milei: Seiner Schwester und Generalsekretärin des Präsidentenamtes, Karina Milei, wird im sogenannten "Karinagate" vorgeworfen, drei Prozent Schmiergeld aus staatlichen Käufen bei Pharmaunternehmen erhalten zu haben.
Mileis Regierung gerät nun auch wegen ihrer engen Verbindungen zu Cerimedo, einem strategischen Wahlkampfmanager der Parteienkoalition La Libertad Avanza (LLA) im Jahr 2023, in Erklärungsnot. Mehrere Social-Media-Experten der Regierung stammen aus seinem Umfeld und dem von ihm gegründeten ultrarechten und libertären Mediennetzwerk La Derecha Diario. Wenige Tage vor Cerimedos Festnahme war er über das Unternehmen Sanabria SRL in das millionenschwere Geschäft mit Hafendienstleistungen entlang der Hidrovía eingestiegen, der Wasserstraße auf den Flüssen Paraguay und Paraná. Die dafür erforderlichen Genehmigungen fallen in den Zuständigkeitsbereich des Wirtschaftsministeriums von Luis Caputo.
Auch die Herkunft der Mittel für diesen Geschäftseinstieg ist Gegenstand der Ermittlungen in Bolivien. Während sich Vertreter der argentinischen Regierung zum Fall überwiegend zurückhaltend äußerten und Innenminister Diego Santilli Bellers Darstellung des Angriffs als glaubwürdig bezeichnete, spricht Milei ebenso wie die Verteidigung seines ehemaligen Beraters von einem von Beller selbst inszenierten Anschlag.
La Derecha Diario hingegen geht auf Distanz zu seinem Gründer. "Die Entscheidung, seine Beteiligung zu beenden, war bereits vor diesem Vorfall gefallen", sagte Javier Negre, der spanische Miteigentümer des Netzwerks. "Javiers Beziehung zu La Derecha Diario läuft ausschließlich über mich."
Der Fall Cerimedo bringt mehrere rechte und ultrarechte Regierungen und Organisationen in Lateinamerika in Bedrängnis, für die er politisch tätig war. So war er nach Angaben eines Sprechers persönlicher Berater des bolivianischen Präsidenten Rodrigo Paz Pereira, bekleidete jedoch kein offizielles Regierungsamt. In Honduras trug Cerimedo 2025 zur Kampagne des heutigen Präsidenten Nasry Asfura bei. In Brasilien wurde gegen ihn wegen seiner Rolle im Umfeld des Putschversuchs von Jair Bolsonaro gegen die gewählte Regierung von Luiz Inácio Lula da Silva ermittelt beziehungsweise Anklage erhoben; unter anderem hatte er in einem Livestream Falschbehauptungen über die Wahl und das Wahlergebnis verbreitet.
In Chile unterstützte Cerimedo 2021 über seine Marketingfirma Numen rechte Unternehmerkreise. Laut Recherchen wurden dabei gefälschte Umfragen eingesetzt, um die öffentliche Debatte über den Verfassungsprozess zu beeinflussen und den späteren Verfassungsvorschlag zu Fall zu bringen. Zwei Verantwortliche dieser Umfragen arbeiteten zumindest bis Anfang August für die aktuelle Regierung von José Antonio Kast.
Inzwischen untersucht die Staatsanwaltschaft in Bolivien neben dem versuchten Femizid, mutmaßlicher häuslicher Gewalt und illegaler Bereicherung einen weiteren Komplex: Cerimedo soll Flüge mit Privatmaschinen gedeckt haben, die mutmaßlich mit Drogenschmuggel in Verbindung standen.

