Dzulá. Maya-Máasewáal haben in Mexiko ihr eigenes Haus der Erinnerung eröffnet und gedenken in autonomer Geschichtsarbeit dem Widerstand ihrer Vorfahren, mit Schlüssen für Gegenwart und Zukunft.
Am 30. Juli 2026 hat in der Gemeinde Dzulá auf der südlichen Yucatán-Halbinsel die Casa de la Memoria ihre Türen geöffnet. Der selbstverwaltete Gemeinschaftsraum geht auf eine Initiative organisierter Maya-Máasewáal zurück, die sich seit Jahren mit der rebellischen Geschichte und der Autonomie ihrer (Ur-)Großeltern beschäftigen: Von 1847 bis 1901 verteidigten diese als Maya-Cruzoob ein großes Territorium des heutigen Bundesstaates Quintana Roo gegen dessen militärische Besetzung durch die mexikanische Armee und die Ressourcenausbeutung durch nationale und internationale Unternehmen.
Einige Nachfahr:innen der Rebell:innen beschränken diesen fälschlicherweise als "Kastenkrieg" bezeichneten Aufstand nicht auf das 20. Jahrhundert: Der Widerstand habe bereits mit der Conquista begonnen und sei auch nach der Schaffung des jüngsten Föderalstaates des Landes nie beendet worden. Insbesondere der Massentourismus ab den 1970er Jahren oder aktuelle Megaprojekte wie der Tren Maya würden nicht nur die Ausbeutung des Territoriums weiter vorantreiben, sondern auch die Geschichte und die Erinnerung seien diesem Angriff ausgesetzt. Während die Bundesregierung den "Kastenkrieg" inzwischen offiziell würdige, würden die tatsächlichen Ziele der Aufständigen verschwiegen (amerika21 berichtete). Noch 1933 hätten Maya-Rebell:innen bewaffnet gegen die mexikanische Armee gekämpft. Dies geschah in der Gemeinde Dzulá, die bewusst als Standort des Hauses gewählt wurde.
Auch der Zeitpunkt der Einweihung wurde gezielt ausgesucht: Sie fiel mit den offiziellen, staatlichen Gedenkfeiern zum umstrittenen Startpunkt des Kastenkrieges am 30. Juli 1847 zusammen.
Entsprechend kontrastieren die ersten Ausstellungen in der kleinen, aber vollen Casa de la Memoria die übliche Auseinandersetzung mit dem "vergangenen" Aufstand: Zwei Fotoexpositionen schmücken die Wände. Unter dem Titel "Dzulá: Die Zeiten des Exils" werden 2026 erstmals Bilder dort ausgestellt, wo sie 1936 entstanden. Bisher verschwanden die meisten der zahlreichen Fotografien, welche die dänische Fotografin Helga Larsen bei einem Besuch der Rebell:innen um Evaristo Sulúb aufgenommen hatte in europäischen und US-amerikanischen Museums- und Universitätsarchiven. "Es ist ein historischer Moment, dass diese Fotografien in die Gemeinschaft zurückkehren", sagte die sichtlich bewegte Esther Sulub, eine Urenkelin von Evaristo.
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Eine zweite Ausstellung verbindet nicht nur vergangene und gegenwärtige Kämpfe der Máasewáal, sondern schlägt Brücken zwischen Zeiten und über Ozeane. "Erinnerung und Herzschlag der Roma" beschäftigt sich sowohl mit der Geschichte des Genozids an den Roma im deutschen Nationalsozialismus als auch mit dem anhaltenden Kampf um Würde und Erinnerung. Zahlreiche Fotos werden durch Stimmen von Vertreter:innen selbstorganisierter Roma-Kollektive aus Deutschland begleitet, ein Ergebnis intensiver Zusammenarbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen wie Amoro Drom und Amaro Foro e.V. und den Máasewáal.
Rebellische Geschichten gegen die Verfolgung und gegen das Vergessen sollen lebendig bleiben: Die Ausstellungseröffnung am 30. Juli wurde durch Rituale, Vorführungen der jugendlichen Tanzgruppe Sáasil Uj, gemeinsames Essen und Diskussionsrunden begleitet. Noch den ganzen September und Oktober sind die Fotos in der Casa ausgestellt.
"Ab diesem August wird die Casa de la Memoria ein vielfältiges und unabhängiges Gemeinschaftsprogramm umsetzen. Das ständige Kulturprogramm umfasst künstlerische Workshops, Vorträge zur mündlichen Überlieferung der rebellischen Erinnerung, Vorführungen von Dokumentarfilmen sowie den Betrieb einer Gemeinschaftsbibliothek, deren Bestände gespendet wurden", heißt es von der Initiative.
Gilmer May, ein junger Mann aus Dzulá, der besonders die Jugendlichen näher an die Casa heranführen möchte, betont: "Dieses Projekt ist für die Gemeinde sehr wichtig, da junge Menschen hier Informationen über die Geschichte ihres pueblos finden können, denn es gibt sonst keine Orte, an denen sie etwas über die Vergangenheit des Widerstands der Maya-Máasewáal erfahren. Dies ist wichtig, weil wir das Ergebnis der Kämpfe und des Widerstands unserer Großeltern sind".
Die Casa de la Memoria kann unterstützt werden. Kontakt per Email.

