Caracas/La Guaira et al. Nach den schweren Erdbeben in Venezuela wächst international die Kritik an den weiterhin bestehenden US-Sanktionen gegen den Karibikstaat angesichts des hohen Bedarfs an Ressourcen für Rettungsarbeiten und Wiederaufbau. Nach offiziellen Angaben sind bislang 1.430 Menschen ums Leben gekommen. Die Rettungs- und Bergungsarbeiten dauern in mehreren Regionen des Landes an. Zudem sind 2.200 Rettungskräfte aus 27 Ländern im Einsatz.
Allein im an der Küste liegenden Bundesstaat La Guaira wurden laut Regierung 100 Gebäude schwer beschädigt oder stürzten gänzlich ein. Die Zahl der Vermissten liegt bei über 40.000 Menschen, wobei diese Zahl in den letzten Stunden rapide abgenommen hat und noch Doppelmeldungen möglich sind.
Viele der zerstörten Gebäude stammen aus der vom sozialistischen Präsidenten Hugo Chávez initiierten Wohnungsbaukampagne Gran Misión Vivienda, durch die Millionen Menschen im Land Wohnraum erhielten. Der Wiederaufbau könnte ersten Schätzungen zufolge rund fünf Milliarden US-Dollar kosten.
Obwohl das US-Finanzministerium bereits am 25. Juni mit der General License Nr. 60 bestimmte Sanktionen bis zum 23. Oktober 2026 vorübergehend ausgesetzt hat und damit alle für die Hilfsmaßnahmen erforderlichen Transaktionen erlaubt, bleiben die allermeisten Beschränkungen bestehen.
So bleiben auch venezolanische Auslandsvermögen eingefroren, darunter rund fünf Milliarden US-Dollar bei der Bank of England in Großbritannien sowie etwa eine Milliarde US-Dollar in Portugal. Zudem hat das Land weiterhin keinen Zugriff auf Sonderziehungsrechte des IWF in Höhe von rund fünf Milliarden US-Dollar, die bereits seit der COVID-19-Pandemie bereitstehen.
Experten weisen außerdem auf die Gefahr hin, dass viele NGOs, Unternehmen und Finanzinstitutionen aus Angst vor US-amerikanischen Maßnahmen keine Geschäfte mit oder in Venezuela tätigen. Dieses Phänomen wird als "Overcompliance" bezeichnet.
Keine Werbung, keine Paywall, aber trotzdem Nachrichten aus Lateinamerika?
Das geht nur mit den Spenden unserer Leserinnen und Leser. Unterstützen Sie uns jetzt.
"Wir sollten nicht vergessen, dass die US-Sanktionen der venezolanischen Regierung mehr als sieben Jahre lang den Kauf der schweren Maschinen verwehrt haben, die heute benötigt werden, um Menschen aus den Trümmern zu bergen. Sanktionen sind zwar nicht die einzige Ursache für den Zusammenbruch Venezuelas, aber sie haben irreparablen Schaden angerichtet", schreibt Francisco Rodríguez, Forscher am Center for Economic and Policy Research (CEPR), auf der Plattform X.
Auch Alex Main, Direktor für Internationale Politik beim Washingtoner CEPR, kritisiert die US-Sanktionen, die die globale Antwort auf das Erdbeben erschweren würden, wie dies schon 2023 in Syrien der Fall war.
Vor diesem Hintergrund hat auch Kolumbiens Präsident Gustavo Petro die US-Zwangsmaßnahmen gegen Venezuela kritisiert. Auf X erklärte er: "Die größte Hilfe, die Venezuela heute erhalten kann, besteht darin, dass die USA die Wirtschaftssperren aufheben, damit das Land für seine Bevölkerung sorgen kann."
Vor Ort zeigt sich derweil ein solidarisches Bild der Hilfeleistung. Aufgrund der wenigen Helfer im Einsatz springen an vielen Stellen Nachbarn und Freunde zur Hilfe ein. So ziehen an vielen Stellen zivile Helfer aus der Umgebung Menschen aus den Trümmern heraus, sagt Carsten Hanke von der Gesellschaft für Frieden und Internationale Solidarität (Gefis) gegenüber amerika21. "Die Hilfsbereitschaft und Solidarität untereinander ist beispielslos", so Hanke.
Claudia Ruiz, Anwohnerin im Bundesstaat La Guaira, beschreibt eine prekäre Situation vor Ort: "Wir hätten nie gedacht, dass das Gebäude einstürzen würde (...) Wir haben alles verloren. Niemand ist gekommen, um uns etwas über Notunterkünfte zu sagen, hier läuft alles über die Nachbarn. In der Nähe gibt es ein Gemeindezentrum, in dem wir einen Teil der Nacht verbracht haben; dort konnten wir unsere Akkus aufladen und man hat uns WLAN zur Verfügung gestellt, damit wir mit unseren Angehörigen Kontakt aufnehmen konnten. Die Gemeinschaft hat uns geholfen. Die Leute kommen vorbei und bringen Wasser und Bananen mit."
Szenen wie diese prägen derzeit viele der Katastrophengebiete. Angesichts der massiven Zerstörung bleibt zivile Selbsthilfe vorerst entscheidend. Lokale Netzwerke und spontane Spendenaktionen federn in den am schwersten getroffenen Vierteln die erste Not ab.

