Quibdó. Ein Erdbeben der Stärke 7,4 hat am 10. August das kolumbianische Departamento Chocó besonders hart getroffen. 29 der 31 Gemeinden weisen Schäden auf, mehr als 45.000 Menschen sind betroffen. Wie arm die Region schon vor dem Beben war, zeigen die Zahlen des Statistikamts DANE für 23 Städte: In der Hauptstadt Quibdó leben 62 von 100 Menschen unterhalb der Armutsgrenze, 33 von 100 in extremer Armut. In Cali, ebenfalls vom Beben getroffen, sind es 19,7 Prozent.
Die Notaufnahme des öffentlichen Krankenhauses San Francisco de Asís in Quibdó war bereits vor dem Beben zu 200 Prozent ausgelastet. Am Tag des Bebens stieg der Wert auf 485 Prozent, wie Pflegeleiterin Andrea Salazar berichtete. Zur Krise trugen nach Angaben von Chocó7días auch beschädigte Kühlgeräte für Blutkonserven und Personalengpässe bei, weshalb ein Teil der Patient:innen nach Medellín verlegt wurde.
Der Sprecher sozialer Bewegungen Arístides Valenzuela beschreibt den staatlichen Rückzug in Chocó als einen Zustand, der die Region seit vielen Jahren präge und durch das Beben lediglich verschärft werde. Am Flusslauf des San Juan hatte die Hälfte der Ortschaften überhaupt keinen Strom, der Rest behalf sich mit Generatoren, ein Mobilfunk- oder Internetsignal war vielerorts nur unregelmäßig verfügbar.
Rund 94 Prozent der Bevölkerung des Chocó sind indigen oder afrokolumbianisch, ihre Situation ist zugleich am schwersten zu erfassen. Der Präsident der Vereinigung traditioneller indigener Autoritäten des Flusses Baudó, Luis Ángel Gindrama, kritisiert, die Aufmerksamkeit konzentriere sich einseitig auf große Städte, während die Lage der indigenen Gemeinschaften unbemerkt bleibe. Viele Familien seien gezwungen, im Freien zu campieren.
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Die Bildungswissenschaftlerin Nancy Palacios Mena von der Universidad de los Andes verweist auf die Region am San Juan: Dort sei der illegale Bergbau verankert und die Guerilla ELN präsent, schon in Normalzeiten verhinderten Bewaffnete den Zugang zu bestimmten Orten. Wenn die Dimension der Schäden nicht bekannt sei, dauere es länger, bis Hilfe die Gemeinden erreiche. Zugleich warnt sie, Mittel für strukturelle Verbesserungen müssten nun in die Dringlichkeit der Katastrophenhilfe fließen. Auch der Bürgermeister Jhon Jairo Gutiérrez beschreibt seine Gemeinde als arm und bittet darum, nicht allein gelassen zu werden.
Die Coordinación Regional del Pacífico Colombiano, ein Bündnis ethnischer Organisationen, der katholischen Kirche und Menschenrechtsgruppen, führt die Untererfassung der Schäden ebenfalls auf schwer erreichbare indigene und afrokolumbianische Gemeinden und die Präsenz bewaffneter Gruppen zurück. In Buenaventura führt die vorläufige Bilanz 144 beschädigte Häuser, während bei der Stadtverwaltung Meldungen aus den Gemeinden über mehr als 600 betroffene Wohnungen eingingen.
"Die jahrelange Ungleichheit ist Folge von politischen Entscheidungen", sagt der frühere Gouverneur des Chocó und Präsidentschaftskandidat Luis Gilberto Murillo: "während das Epizentrum des Bebens Zufall war". Er spricht von einer modernen Form rassistischer Diskriminierung, von Klassismus und einer Zentralisierung staatlicher Ressourcen und Chancen, durch die manche Regionen Kolumbiens faktisch im 21., andere im 19. Jahrhundert lebten.

