Peking/Washington. Laut einer jüngsten Umfrage des Latinobarómetro sieht eine Mehrheit der Menschen in Lateinamerika den politischen Einfluss Chinas auf dem Kontinent in einem positiveren Licht als jenen der USA.
Die zweite Amtszeit von Donald Trump ist von einer deutlich stärkeren Einmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten und der damit einhergehenden Missachtung ihrer Souveränität gekennzeichnet. Diese sogenannte "Donroe-Doktrin" prägt den Blick vieler Menschen auf die Politik der USA und begründet eine deutliche Stimmungsverschiebung in den Bevölkerungen Lateinamerikas. Chinas Einfluss in Lateinamerika wurde vor sechs Jahren noch von einer Minderheit von 48 Prozent als positiv bewertet. In der neuesten Umfrage ist ein deutlicher Anstieg der Zustimmung auf 65 Prozent zu verzeichnen. Hingegen fielen die Zustimmungswerte für die USA auf nur noch 57 Prozent.
Die chilenische Soziologin und Direktorin des Meinungsforschungsinstituts Marta Lagos geht davon aus, dass das veränderte Stimmungsbild stark mit der geopolitischen Ausrichtung der USA zusammenhängt. So habe sich die außenpolitische Priorität der USA nach den Terrorangriffen am 11. September 2001 stark auf Länder des Nahen Ostens konzentriert, während die interventionistische Politik auf dem lateinamerikanischen Kontinent erst zur zweiten Amtszeit Donald Trumps wieder Fahrt aufgenommen habe. "Es sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen, in denen Lateinamerika lernte, auf eigenen Beinen zu stehen und in denen es nicht nur Einfluss aus China, sondern auch aus Europa, Japan und anderen Weltmächten gab, welche die Lücke füllten, die von den USA hinterlassen wurde."
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Seit der zweiten Amtsperiode von Donald Trump 2025 sind rechte und ultrarechte Kräfte in Lateinamerika immer stärker geworden. Seitdem gingen sieben Präsidentschaftswahlen in Ecuador, Bolivien und Honduras sowie in Chile, Costa-Rica, Peru und Kolumbien zugunsten rechter bis ultrarechter Parteien und Kandidaten aus. Die Regierungen dieser Länder und weiterer rechtsgerichteter Staaten sind in der Militärallianz Shield of the Americas unter Führung der USA zur Bekämpfung des Drogenhandels vereint. In den Augen von Lagos besteht jedoch ein großes Ungleichgewicht zwischen den Zielen der USA und der aktuellen Realität Lateinamerikas: "Die USA bewaffnen die Shield of the Americas zu einer Zeit, in der Lateinamerika unabhängig, frei und gleichzeitig mehr und mehr frustriert über fehlende Entwicklung ist. Es gibt ein großes Misstrauen und einen hoffnungsvollen Blick auf China." Dass der chinesische Einfluss wachse, sei zudem nicht auf eine Strategie Pekings zurückzuführen, sondern vielmehr der Fehlannahme geschuldet, es könne eine lateinamerikanische Integration der Völker und abgestimmte Politik unter Führung der USA funktionieren. So zeigt die Umfrage, dass selbst in Bevölkerungen politisch rechtsgerichteter Staaten der Allianz Shield of the Americas wie Chile und Peru der Einfluss Chinas gegenüber dem der USA positiver bewertet wird. "Die politische Färbung einer Regierung steht nicht zwangsläufig in Beziehung mit dem Ansehen der USA oder Chinas in der Bevölkerung", erklärte Lagos gegenüber der Zeitung El País.
Dabei gibt es in der Umfrage große Unterschiede bei der Bewertung US-amerikanischer Außenpolitik. Eine Mehrheit von 59 Prozent lehnt die Art und Weise der Steuerung der US-Außenpolitik unter der Regierung Trump ab. Und das, obgleich sich auf der anderen Seite eine Mehrheit von 69 Prozent mit der Entführung des damaligen venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und dessen Ehefrau Cilia Flores durch US-amerikanische Spezialkräfte einverstanden zeigt. Die Landkarte der Zustimmung beziehungsweise Ablehnung zeigt, wie gespalten die Meinungen zu dieser Thematik sind. Venezuela ist das Land mit der größten Befürwortung der Militäroperation der USA, 61 Prozent Zustimmung. Auf der anderen Seite stehen mit einer deutlichen Ablehnung der gewaltsamen Intervention die Staaten Mexiko mit 79 Prozent, Honduras mit 72 Prozent, Guatemala mit 71 Prozent und Uruguay mit 70 Prozent. Dies bedeutet nicht, dass die Menschen in Venezuela grundsätzlich positiv gegenüber ausländischen Interventionen eingestellt sind. Die Zustimmung kann vielmehr soziologisch als Ausdruck einer gesellschaftlichen Erschöpfung und Erosion des Glaubens an einen Wandel von innen heraus, resultierend aus den vergangenen Krisenjahren des Landes, interpretiert werden. Der Wunsch nach Veränderung ist aufgrund dieser dauerhaften Unsicherheit bei vielen Menschen größer ausgeprägt als die Bewahrung des Selbstbestimmungsrechts der Völker.
Die starke Ablehnung in Honduras und Guatemala ist Ausdruck eines kollektiven Gedächtnisses bezüglich historischer Traumata im Verhältnis zu den USA. Die CIA-finanzierten und organisierten Putsche zugunsten brutaler Militärregime haben viel Leid und Wunden hinterlassen, die noch bis in die heutige Zeit nachwirken. In Mexiko ist das Prinzip der Nichteinmischung in die Politik anderer Länder eine Grundausrichtung mit Verfassungsrang (Dontrina Estrada). Zudem wird die migrationsfeindliche und in Teilen rassistische Rhetorik der Trump-Regierung gegenüber Mexikanern registriert und führt ebenfalls zu einer Schwächung des Ansehens der Politik des Nachbarn aus dem Norden.

